Für Alexander Braun sagt der Umgang mit Horror viel über das allgemein Unbewusste einer Gesellschaft aus. Für ihn ist der gesellschaftliche und mentale Boden, auf dem diese Bilder gedeihen, entscheidend. Horrorgeschichten entstehen auf vielen Ebenen und produzieren ihre eigenen Metaphern. Eine ganz Kulturindustrie probt den spielerischen Umgang mit Schauergefühlen. So können Zombies als Antithese zur körperoptimierten, kapitalgesteuerten Freizeitgesellschaft oder als auferstandenes Proletariat und Vampire als aristokratische Arbeitgeber verstanden werden.

 

AUF DEM WEDDING UND IM GESUNDBRUNNEN ZUR CORONAPANDEMIE


Von Wolfgang W. Timmler

 

Dornenernte ist ein spannendes und aus heutiger Sicht packendes, zugleich angesichts der Gewaltverbrechen der vom Befreiungskampf zu Recht an die Macht Gebrachten kontroverses Stück Literatur. Shimmer Chinodya hat es aus dem Empfinden (s)einer Zeitgenossenschaft heraus verfasst, zu denen heute eine Anerkennung der Nachwirkungen und Folgen der Massaker und Gewaltverbrechen gehört. Bislang stößt das im offiziellen Zimbabwe auf taube Ohren.

 

Die meist schwer angeglitchte Schreibe Ableevs, „natürkluich“, nimmt sich, was ihr unterkommt, und baut sich ein versynthetaxtes Gerüst, das mehr kaputt macht als konstruiert. Teilweise scharf rhythmisch und nie, an keiner Stelle, gefällig.

 

Vater ist tot. Er wollte nicht mehr, sagte meine Mutter. Er konnte nicht mehr, sagte meine Mutter. Herzinfarkt auf Bestellung. Nach nur einem Tag im Heim. Unruhig die Nacht verbracht, sagten die Pfleger. Morgens, sobald die Türen offen waren, rannte er in den Garten um dort seinen tödlichen Infarkt zu bekommen. "Er hat jetzt seinen Frieden", sagte meine Mutter. "Er hat einen Scheiß, DU hast deinen Frieden!", hätte ich ihr ins Gesicht brüllen sollen, hätte sie aber eh nicht begriffen, oder begreifen wollen.

 

Auch wenn viele Texte ihrer Zeit, vor allem der Sprache der 1950er verhaftet sind, der Diskurs seitdem weitergeführt worden ist, besonders sprachlich, die Abkürzungen der unterschiedlichen algerischen Parteien, Namen damaliger Politik, heute weniger geläufig sind, ereilt einem beim Lesen doch schnell die Erkenntnis der Fundamentalität in jedem Text dieses Vordenkers von Auseinandersetzung wie deren Umsetzung in die radikale Aktion.

 

Am prägnantesten sind Krechels Bemerkungen zu Katherine Mansfield und den Schwestern Brontë. Eher allerdings schießt Leselebendigkeit ein, wenn sie sich über Begegnungen mit Brinkmann, Berlin-Friedenauer Szene um Johnson etc. oder jene Reise ins Apfelland, mit weitschweifigen Links zu Roger Deakin, Korbinian Aigner, Michael Hamburger auslässt.

 

In dieser Ausstellung laufen alle Lebensfäden Heino Jaegers zusammen. So ergeben sie ein Ganzes in ihrer traurig schönen und erschreckend faszinierenden Zerrissenheit. Die Ausstellung zeigt jemanden, der dokumentiert und verkleidet, was ihn bewegt, der sich aber nie selbst zu stilisieren wusste.

 

 

Was Murnane in Inland betreibt, ist eigentlich inkommensurabel für Murnane-Einsteiger & selbst für Verehrer womöglich ein Schritt zu weit ins Selbstgerechte. Jene absichtsvolle Scheuklapperei, der recht Cis-getränkte Blick auf praktisch alles wartete in anderen Büchern, am stärksten bei Landschaft mit Landschaft, noch parallel mit einer originären literarischen Gestaltidee auf, die nicht selten grandios zwischen den Zeilen operierte, Statusmeldungen zu Alkoholismus, späten Teeniewehen in Australiens Vororten, sehnsüchtigen Fantasieorten, inklusive deren Genese funkte.

 

In der Ausstellung von Gerrit Frohne-Brinkmann tummelt sich eine große Familie keramischer Mäuse auf dem Fußboden. Sie sind haarlos, rosa wie nackte Vacanti-Mäuse und alle tragen ein menschliches Ohr auf dem Körper, es scheint sie nicht zu stören.

 

Fluchen und Verfluchen, der Gebrauch von ‘foul language’ überhaupt zählt zu den wenig anerkannten und kultur(en)übergreifend verfemten, dafür unterschwellig besonders wirkungsvollen Äußerungen in egal welcher Sprache. Swearing and Cursing, so der Titel eines Sammelbands von (Ver-)Fluchexpert:innen, den Nico Nassenstein und Anne Storch als Proceedings einer Tagung in Köln vorlegen, ist dabei mehr als ein Sprechakt, das wird schnell klar.

 

In einem wiederaufgelegten Essay mit dem Untertitel Erkundungen zu einem moralischen Gefühl untersucht Judith Shklar (1928–1992) das „unterschätzte politische Problem“ der Ungerechtigkeit. Die breit angelegte Studie schlägt von Aristoteles, Platon, Augustinus, Montaigne, Hume, Voltaire, Rousseau etc. einen philosophiegeschichtlichen Weg ein, dessen wesentliche Komponente aber zusätzlich auf Miteinbezug von Literatur, wie dem Gerichtsroman Die Pickwickier von Charles Dickens, Michael Kohlhaas, Giottos Fresken oder geschichtlichen Vorkommnissen wie dem Erdbeben von Lissabon oder Bostoner Bränden und anderen Kriminalfällen, beruht.

 

Die Originalausgabe dieser philosophischen Biografie, die zeigen will, „wie das Werk aus diesem Menschen hervorquoll“, erschien 1990, als ihr Autor gerade mal 33 Jahre alt war. Umso erstaunlicher, wie einfühlsam und differenziert, wie klug und, ja, lebensweise, er bereits auf den ersten Seiten die Familie Wittgenstein schildert. Beim vorliegenden Buch handelt es sich um die überarbeitete und korrigierte Neuausgabe des gleichlautenden, 1992 erschienen Titels.

 

Es ist eine groß angelegte Lyriksammlung, die dieses Genre, wenn man so will, zunächst bedient & dann durchbricht. Gedichte aus den 1980er Jahren, die noch ein wenig nach PostBrinkmann riechen, sehr konkrete Poesie, läuft schließlich in einen Status, in dem das Wort nurmehr allein als Material der Bildenden Kunst aufgeht – eine konsequente Bewegung.

 

Das Buch mutet bizarr an, nicht weil Bizarrheit nicht genau das Terroir Batailles wäre, bizarr, weil es genau nicht von jenem exzessiven Batailletexter-Impetus verfasst worden ist, sondern von einem labilen gewollt-wissenschaftlichen Duktus, der sich nicht mit der mythischen Quelle seiner Kunstgedankenwelt & literarischen Ambition verträgt. Mit anderen Worten, Motivation & Gestalt arbeiten aneinander vorbei.

 

Einmal im Jahr treffe ich mich mit K zu einem langen Mittagessen, bei dem wir uns regelmäßig bis in den späten Nachmittag über Gott und die Welt, doch meistens über Politik austauschen, denn K, den ich vom Studium her kenne, verdient sein Geld als Gemeindepräsident, was mit sich bringt, dass er in vielen Gremien sitzt und über wertvolle Einblicke ins lokale und regionale Geschehen verfügt – wertvoll meint, dass sie sich zu Geld machen lassen; er ist im Laufe der Jahre wohlhabend geworden.

 

Pasolini war zeitlebens ein Dichter. Er begann mit jenen berühmten friulianischen Mundartgedichten, die er später revidiert veröffentlichte (von Christian Filips vor einigen Jahren inspiriert übertragen) und hinterließ eine größere Anzahl später Gedichte („Ich werde keinen Frieden finden, nie“), die nun in einem voluminösen Suhrkamp-Band Nach meinem Tod zu veröffentlichen zweisprachig vorliegen.

 

Früher ist Zimmerhockey nur von Büroangestellten gespielt worden, aber inzwischen zählt es auch in den Studentenwohnheimen zu den Freizeitvergnügen.

 

Peter Zumthor, der sich als Architekt & in Person immer ein wenig als Kultfigur geriert – das gilt besonders für seine Schriften wie für seine Art des Sprechens – hat mit der Ausstellung Dear to me einen kuratorischen Raum bestückt, in dem im Kunsthaus Bregenz und der ETH Zürich 2017/18 ein monatelanges Programm aus Ausstellungen, Performances, Konzerten sowie von ihm geführten öffentlichen Interviews und Gesprächen stattfand.


 

LARS: In der Zeitung ist ein Bild von einem Hochhaus. Hinter dem Gebäude hat eine Bombe eingeschlagen, und es sieht so aus, als hätten einige Hausbewohner weiße Bettlaken rausgehängt.

MARK: Stimmt. Das könnten weiße Bettlaken sein.

GITTE: Das ist Wäsche, Wäsche auf dem Balkon.

 

 

 

Mueller, der ein ambivalentes Verhältnis zum sogenannten Literaturbetrieb hegte und viele Jahre als Galerist, Museumsdirektor & Verfasser essayistisch-kunsttheoretischer Texte arbeitete, zeigt sich in diesem Band als profilierter Wortkünstler, dessen früheste Gedichte von den 1970ern datieren.

Der Autor bedankt sich bei N.G. für die Bebilderung.

 

Diese Kurzprosa ist einem Kapitel des Romans „Posh & Lost“ von Patrick Poti entnommen, in welchem der Protagonist Edin eine Parallelwelt namens „Das Hohen Haus“ betritt, innerhalb der eine Schuhfabrik existiert, wo Kinder gezwungen werden, Wanderschuhe herzustellen. In der Fabrik macht Edin die Bekanntschaft Farooqs – Vorarbeiterin der Schuhfabrik – und findet heraus, dass zwischen seiner hopsgegangenen Freundin Aleksa und Farooq eine Verbindung besteht …  Aber davon handelt diese Kurzprosa nicht. Nein, diese Kurzprosa stellt sich an, die Grausamkeit Farooqs und ihrer Schutzmänner speziell und des hohen Hauses allgemein zu porträtiert. Auch okay, oder?

 

 

 

Mit Die Eisbahn erscheint endlich ein neu übersetzter Bolaño-Roman, der nicht mehr seiner Frühzeit entstammt, sondern einen dezidierten „Wenderoman“ seiner Biobibliografie darstellt, der ihm 1993 die ersten Preise in Spanien einbrachte und der kein Fragment ist – abgeschlossen, selbstbewusst & mit ein paar Abstrichen so etwas wie ein erstes Meisterwerk.